![]() ![]() Glossar Systemtheorie1. Autopoiesis Der Begriff bezeichnet das Operationsprinzip biologischer, sozialer und psychischer Systeme. Er bedeutet 'Selbst-Machen' und drückt aus, dass sich diese Systeme aus und mit ihren Operationen laufend selbst (re-) produzieren. Die Systeme sind in diesem Sinn autonom, aber nicht autark, weil sie immer auf Systeme in ihrer Umwelt angewiesen sind. 2. Beobachtung Beobachten ist die Grundoperation sozialer und psychischer Systeme und meint die Bezeichnung im Kontext einer Unterscheidung. Alles, was wir beobachten, ist nur 'etwas' im Unterschied zu etwas anderem. Um zugrunde liegende Unterscheidung zu beobachten, braucht es eine weitere Beobachtung (2. Ordnung). Beobachtung wird in sozialen Systemen als Kommunikation und in Psychen als Gedanken/Vorstellungen realisiert. 3. Beobachtung 1. und 2. Ordnung Das, was wir sehen, hören, fühlen, denken, sagen, wird als Beobachtung 1. Ordnung bezeichnet. Die Beobachtung 2. Ordnung hat die Unterscheidung im Blickfeld, die der Bezeichnung des Was zugrunde liegt. Ein Beobachter 2. Ordnung beobachtet demnach andere Beobachter beim Beobachten. Die zentrale Frage der Beobachtung 2. Ordnung ist die Frage danach, wie beobachtet wird. 4. Form/Medium Die Operation der Beobachtung führt mit ihren Bezeichnungsleistungen immer zu Formbildungen (z.B. Aussagen oder Zahlungen) vor dem Hintergrund eines Mediums (hier: Sprache bzw. Geld). Das Medium wird dabei nicht aufgebraucht, sondern laufend reproduziert, was neue Formbildung ermöglicht. Wenn ein Beobachter die Form der Form (als Einheit von Form und Medium) beobachtet, stösst er unweigerlich auf Paradoxien. 5. Fremdreferenz Die Fremdreferenz ergänzt die (autopoietische) Selbstreferenz des Systems dadurch, dass es seiner Umwelt Information abgewinnt, die im System zu Information verarbeitet wird und Lernprozesse (Strukturveränderungen) nach sich ziehen kann. Fremdreferenz bedeutet in diesem Sinn immer auch Information, während die Selbstreferenz eher der Mitteilung entspricht. 6. Funktionssysteme Das Konzept der funktionalen Differenzierung geht davon aus, dass sich die Gesellschaft zunehmend in autonome Bereiche (Funktionssysteme) ausdifferenziert, welche bestimmte Aufgaben erfüllen. Wichtige Funktionssysteme sind die Wirtschaft, die Politik, die Wissenschaft, das Bildungssystem, die Kunst, das Medizinsystem, das System der Massenmedien, die Religion und zunehmend auch das System der sozialen Hilfe. 7. Gesellschaft Gesellschaft wird von Luhmann sehr abstrakt konzipiert, nämlich als Gesamtheit aller Kommunikationen. Das bedeutet, dass jede Kommunikation immer auch eine gesellschaftliche Operation darstellt. Da Gesellschaft immer kommunikativ, das heisst in sozialen Systemen, realisiert wird, ist der Begriff ‹sozial› identisch mit ‹gesellschaftlich› und nicht reduziert auf die Bedeutung, die er bei ‹Sozialer Arbeit› oder ‹sozialen Problemen› erhält. 8. Interaktion Interaktion ist Kommunikation unter der Bedingung wechselseitiger Wahrnehmbarkeit. Obwohl die Interaktion im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung (vor allem mit der Erfindung der Schrift, des Buchdrucks und der Computertechnologie) kontinuierlich an Bedeutung verliert, ist unser Alltag noch immer von Interaktion durchzogen – umso mehr, als sich auch die Kommunikation in Organisationen in der Regel als Interaktion realisiert. 9. Kommunikation Kommunikation ist die Basis(beobachtungs)operation sozialer Systeme. Jede Kommunikation besteht aus einer dreifachen Selektion: der Selektion von Information, Mitteilung und (operativem) Verstehen. ‹Verstehen› markiert dabei kein inhaltliches Verstehen, sondern lediglich den Umstand, dass eine Kommunikation einer vorhergehenden Kommunikation die Mitteilung einer Information zuschreibt und sie damit erst vervollständigt. 10. Operation (der Beobachtung) Die Beobachtungen in ihren Formen 'Kommunikation' und 'Gedanke' stellen die zentralen Operationen sozialer und psychischer Systeme dar. Operation und Beobachtung kann man dahin gehend unterscheiden, dass die Operation dem Sehen (Sprechen, Denken etc.) entspricht, während 'Beobachtung' das Resultat dieser Operation bezeichnet: das was gesehen, gesprochen, gedacht etc. wird. Psychische Systeme haben mit den Wahrnehmungen und anderen unbewussten Prozessen auch Operationen, die keine Beobachtungen (Bezeichnung im Unterschied zu anderem). 11. Operative Geschlossenheit Der Begriff symbolisiert, dass ein System immer nur innerhalb seiner Grenze operieren und niemals in seine Umwelt ausgreifen kann (Selbstreferenz). Andererseits ist es darauf angewiesen, dass ihm diese Umwelt Anlässe bietet, welche es zur Informationsgewinnung nutzen kann (Fremdreferenz). Dabei bestimmt das System selbst, was für es Informationswert hat und wie es die Information (strukturell) verarbeitet. 12. Organisationen Die Organisation ist ein Systemtypus, der sich in der Moderne als äusserst erfolgreich erwiesen hat. Organisationen reproduzieren sich über die Kommunikationsform der Entscheidung. Eine Entscheidung ist eine Wahl vor dem Hintergrund möglicher Alternativen – eine Wahl, die in der Regel einer Person zugeschrieben wird, obwohl sie im Netzwerk des Organisationssystems und nicht etwa durch ein psychisches System getroffen wurde. 13. Person Der Begriff ‹Person› beschreibt, wie Menschen für die Kommunikation relevant und in soziale Systeme inkludiert werden. Ausser in der Familie sind Menschen in sozialen Systemen nur ausschnittweise relevant. Person ist in diesem Sinne eine Kommunikationsstruktur, welche die Erwartungen regelt, die an Menschen gerichtet werden. Ein Aspekt des Personenbegriffs ist die Rolle; weitere Aspekte sind das Geschlecht, das Alter usw. 14. Selbstreferenz Der Begriff beschreibt ganz ähnlich wie 'Autopoiesis', dass die Operationen sozialer und psychischer Systeme sich immer auf sich selbst beziehen: An einen Gedanken schliesst der nächste Gedanke an, und für diesen gilt dasselbe. Das Gleiche gilt für die Kommunikation. Entscheidend ist dabei, dass erst die nachfolgende Kommunikation die vorherige Kommunikation zur Kommunikation macht. Die Systeme sind in diesem Sinn 'selbstreferenziell geschlossen', d.h. keine andere Operation kann an die Operationen eines andern Systems anschliessen. 15. Soziale Adresse Die soziale Adresse ermöglicht, einzelne Personen, aber auch Familien und Organisationen in der Kommunikation als Handelnde zu identifizieren. Adressabilität ist damit eine Voraussetzung für die Inklusion von Personen in soziale Systeme. Die Gesellschaft und die Funktionssysteme verfügen über keine soziale Adresse. Das zeigt sich auch daran, dass man diesen Systemen keinen Brief schreiben und sie nicht ansprechen kann. 16. Struktur Strukturen sind Möglichkeitsspielräume, die festlegen, welche Beobachtungen in einem System erwartbar sind und welche nicht. Die Strukturen werden bei jeder Operation des Systems neu aktualisiert. Beobachtende Systeme sind in diesem Sinn historische Systeme, die sich auf der Basis ihrer Vergangenheit laufend an die Veränderungen in ihrer Umwelt anpassen, wobei gewisse Strukturen stabiler sind als andere. 17. Strukturelle Kopplung Der Begriff umschreibt, dass Systeme nicht isoliert operieren, sondern immer auch auf Systeme in ihrer Umwelt angewiesen sind. So ist Kommunikation ohne das gleichzeitige Operieren von mindestens zwei psychischen Systemen nicht denkbar. Kommunikation ist demnach unablässig mit psychischen Systemen gekoppelt, während Kopplungen zwischen sozialen Systemen auch zeitlich befristet vorkommen. 18. System Das System wird in der Systemtheorie als Abfolge von Operationen (bei sozialen und psychischen Systemen: Beobachtungsoperationen) verstanden, die sich von Operationen in der Umwelt des Systems unterscheiden. Das System stellt damit keine Einheit (kein ‹Ding›) dar, sondern eine Differenz. Deshalb kann man ein System auch nicht sehen. Zu beachten ist, dass das System nicht nur sich selbst (re)produziert, sondern auch seine Umwelt. 19. System - psychisches Die Beobachtung psychischer Systeme läuft über Gedanken/Vorstellungen, die aus Wahrnehmungen geformt werden. Psychische Systeme sind eigenständige Systeme, die mit ihrer sozialen und organischen Umwelt (dem Gehirn) gekoppelt sind, aber eigene Strukturen bilden. Das psychische System umfasst sowohl das Bewusstsein als auch das Unbewusste. 20. System - soziales Die Form der Beobachtung sozialer Systeme ist die Kommunikation. Luhmann unterscheidet als wichtigste Typen sozialer Systeme die gesellschaftlichen Funktionssysteme, die Organisationen und die Interaktion. Dazu kommen weitere Systemformen wie Familien oder Gruppen. Obwohl Kommunikation ohne psychische Systeme nicht möglich ist, ‹gehören› die Psychen nicht zu den sozialen Systemen, sondern zu deren Umwelt. |
|
Calisti Beratung & Gesundheitsförderung • Rebenfluhweg 36 • CH-4652 Winznau • Telefon +41 (0)62 295 42 40 • Mobile +41 (0)76 380 67 65 • vito.calisti@calisti.net |
|